Zum Sinn von Kreuzweg-Gehen und Kreuzweg-Andacht

Der Kreuzweg des Künstlers Josef Baron in St. Marien

Sich mit Jesus Christus auf den Weg machen zu Gott und den Menschen – Eine Einführung

Im meditativen, betenden Nachgehen des Leidensweges Jesu Christi konnten die ersten Anhänger Jesu den Weg nachgehen, den dieser von seiner Verurteilung durch Pontius Pilatus über die Kreuzigung bis hin zu seiner Grablegung beschritten hatte. Sie hatten die Möglichkeit, ein Stück des Lebens- und Leidensweges Jesu tatsächlich zu gehen. So konnten sie ihn mit ihrem eigenen Lebensweg in Verbindung bringen, besonders jene Abschnitte, die sie in ihrem Alltag wiederfanden und als beschwerlich, belastend und leidvoll erfuhren. Vergleichbares taten spätere Jerusalem-Pilger, aber auch die Kreuzfahrer.

Heute hat sich eher die „Kreuzweg-Andacht“ durchgesetzt, auch wenn z.B. der „Ökumenische Kreuzweg der Jugend“, den es seit 1958 gibt, darauf setzt, dass der Kreuzweg gegangen wird.

Welchen Sinn kann das Gehen des Kreuzwegs / eine Kreuzweg-Andacht heute noch haben?

Eine Kreuzweg-Andacht ist eine volkstümliche Gottesdienstform, bei der wir Gläubigen von Station zu Station gehen, dort stehen bleiben und auch knien. Wir betrachten an jeder Station eine menschliche Grunderfahrung, die mit den Erfahrungen des Leidensweges Jesu in eine Beziehung gesetzt werden kann. Das meditieren wir und suchen nach der Verbindung zum eigenen Leben. Es folgt ein Gebet und womöglich noch ein Lied zur Vertiefung einer Grundaussage.

Während einer Kreuzweg-Andacht gehen wir einzeln oder in Gruppen durch die Kirche; wir bleiben vor jedem Bild stehen, machen „Station“, wie man sagt, und betrachten jede der 14 Kreuzweg-Szenen im Gebet. Die meisten dieser Stationen stützen sich nicht auf biblische Quellen, sondern sind Betrachtungen menschlichen Leides, das auch Jesus auf seinem Weg erfahren hat. Wenn man genau hinschaut, kann man erkennen, dass die Stationen des Kreuzwegs existentielle Schlüsselsituationen eines jeden Lebens sind.

Zum einen können wir durch das Nachvollziehen des Kreuzwegs Jesu Christi sein Leiden anschaulicher und intensiver miterleben. Nach wie vor gelten auch die Erfahrungen der ersten Christen: Wir können den eigenen, bisweilen auch leidvollen Lebensweg als eine Form der Nachfolge Jesu Christi verstehen und ihn dadurch aufarbeiten lernen; dabei können wir uns aufgefangen wissen von ihm, der diesen menschlichen Weg zu Ende gegangen ist und dadurch uns Menschen befreit, erlöst und eine neue Lebensperspektive aufgezeigt hat. Drittens kann uns auch unsere eigene Schuld deutlich werden, für die Jesus Christus gestorben ist, z.B. die, mit der wir anderen Menschen das Leben zu einem Kreuzweg machen.

Das Kreuz und die Bilder des Kreuzwegs vermögen, uns die andere, die dunkle Seite des Menschseins zu zeigen. Und sie zeigen uns den Gott, an den wir glauben, der „für uns da“ ist, der sogar mit uns in das Dunkel hinein und durch das Dunkel hindurch geht. Wir lernen bereuen und können eine tiefe innere Umkehr erfahren. Und wir erfahren, dass selbst das bitterste Leiden Jesu Christi an Leib und Seele durch seine Liebe zu Gott und zu uns Menschen überwunden wird. Das kann uns Anregung sein, selbst einen solchen Weg zu suchen.

Auf diesem Weg können wir zu Gott und zu allen Menschen gelangen: zu Armen, Schwachen und Kranken, zu Kindern und Alten … Dann bleiben wir nicht mehr am Rande stehen, sondern wenden uns den Menschen zu und dem Tun, das in der jeweiligen Situation Not wendet, notwendig ist. Wir denken über eigenes und fremdes Leben vielleicht tiefgründiger nach, bleiben nicht mehr so leicht Vordergründigem verhaftet.

Und selbst wenn wir in jedem Jahr nur über einen dieser vielen Aspekte nachzudenken vermögen … das ist doch auch schon etwas, oder?

Hier können Sie Bilder des Kreuzwegs in St. Marien anschauen.

Ihnen wird auch eine Gesamtschau unseres Kreuzwegs des Künstlers Josef Baron angeboten.