Versuch einer Gesamtwürdigung

Der Kreuzweg des Künstlers Josef Baron in St. Marien

Bilder von geradezu archetypischer Eindruckskraft

„In den letzten Jahren schuf der aus der Schule Ewald Matarés kommende Bildhauer Josef Baron zunächst für St. Marien einen ‘Kreuzweg’. […] Ist die Thematik dieser zu betender Betrachtung einladenden Bilderreihe auch vorgegeben, so ist doch jedes der Bilder vom Künstler mit neuartigen Stilmitteln – gegenständlich, aber keineswegs naturnah – mit geradezu archetypischer Eindruckskraft gestaltet; eine erschütternde Anklage der Gewalttätigkeit des Menschen, aber zugleich der Hinweis darauf, dass die Leiden auch unseres grausamen Jahrhunderts von Christus, dem Kreuzträger, geteilt worden sind.“

So schrieb Dr. Ferdinand Heider im Pfarrbrief St. Marien, Lüneburg, Nr. 291, vom 16. November 1980 unter der Überschrift „Gotteslob in neuen Bildwerken. Die Bronzewerke von Josef Baron in St. Marien, Lüneburg“.

 

Der Künstler Josef Baron hatte sich kurz vorher zu seinem Werk selbst geäußert. Im Pfarrbrief St. Marien, Lüneburg, Nr. 289, vom 19. Oktober 1980 war sein Vortrag „Die Bildwerke von St. Marien“ wiedergegeben worden, in dem er u.a. Folgendes sagte:

„Vor der Umgestaltung wurde ein Kreuzweg angebracht, die Gemeinde umschließend, rechts am Chorraum beginnend – und links am Chorraum endend. Zu dem Kreuzweg sagt ein mir befreundetet Pater: Der Schlüssel zum Verständnis ist die letzte Station: Jesus wird ins Grab gelegt, aus dem er glorreich auferstehen wird. Auf unserer Darstellung ruht er im Grabe, darüber aber füllig der Baum des Lebens. Christus wird also ewig leben, und wir werden mit ihm leben. Aber alles, was auf dem Wege dahin geschieht, ist für uns so unfassbar wie für die ersten Jünger des Herrn.

Weiter führt er an: Der Künstler möchte uns in diesen Bildern an die furchtbare Wirklichkeit des Leidens Christi heranführen. Er hat offenbar darüber nachgedacht, wie uns Menschen des 20. Jahrhunderts mit den Mitteln der modernen Kunst die Passion Christi erschütternd deutlich gemacht werden kann. Er mag dabei an das Wort des Psalmisten erinnern: ‘Ich bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott ausgeliefert, vom Volke verachtet. Alle, die mich sehen, verhöhnen mich, verziehen ihre Lippen und schütteln den Kopf.’ Auch die Menschen, die den Herrn zur Hinrichtung begleiten, seine Mutter, Simon von Cyrene, die Frauen von Jerusalem sind deutlich in das Elend des Meisters hineingezogen. Aber es ist ein Leidensweg für uns! Je erschütternder die Marter, Misshandlung, Verunstaltung Jesu, umso deutlicher seine liebende Sorge um uns!

Der Erlöser steht mitten unter den Kreuzträgern unserer Zeit. Er ist geworden wie einer von den Menschen, die das Grauen des letzten Krieges, das Elend bei Stalingrad und in den Gefangenen- und Vernichtungslagern durchkostet haben. Er leidet für uns und mit uns.

Die Bilder des Kreuzweges haben dann ihren Zweck erreicht, wenn sie uns zum Nachdenken und zu einer persönlichen Stellungnahme führen. Keiner sollte daran gleichgültig vorübergehen. Auf einigen Stationen sehen wir im Hintergrund Gestalten, die scheinbar mit dem furchtbaren Geschehen im Vordergrund nichts zu tun haben. Ob Jesus fällt, ob er misshandelt wird, geht sie nichts an. Sie stehen da, wie der Priester und der Levit im Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Sie benehmen sich wie die flüchtigen Besucher eines Museums. Nichts macht ihnen tiefen Eindruck. Es ist uns gewiss gestattet, uns über die Form der Darstellung des Leidens ein persönliches Urteil zu bilden, aber die Aussagekraft der Bilder darf uns nicht unbeteiligt lassen. So die Stellungnahme des Paters zu dem Kreuzweg.“

Mit seinen Werken will Josef Baron „zum Meditieren anregen“ … was denken, was empfinden Sie?

Hier können Sie Bilder des Kreuzwegs in St. Marien anschauen.